Yoga und Meditation gegen den Stress

Wie können Yoga und Meditation helfen, Stress abzubauen und stressbedingten Beschwerden vorzubeugen? Die Meditations- und Yogalehrerin Dr. Ulrike Kienzle erzählt aus ihrer Praxis.

In meiner psychologischen Beratungspraxis rufen oft Menschen an und sagen: „Ich möchte Meditation lernen, um ruhig und gelassen zu werden, denn ich bin so wahnsinnig gestresst.“ Darauf erwidere ich: „Das ist bestimmt eine gute Idee, aber zuerst sollten wir gemeinsam überlegen, weshalb Sie so gestresst sind, und ob da nicht in ihrem Leben etwas verändert werden sollte.“ Dann kommen sie zu mir in die Praxis und die gemeinsame Arbeit beginnt.

Individuelle Lösungen zur Stress-Bewältigung

Wir analysieren die körperliche und geistige Konstitution, die sogenannten Doshas und Gunas, klären die Lebenssituation und die bisherigen Stress-Bewältigungsstrategien, sortieren Partnerschaften und Projekte.
Das ist Sattvavajaya, die ayurvedische Psychologie.

Wir besprechen die Ernährung und finden heilsame Tagesrhythmen – und natürlich gibt es gleich in der ersten Stunde auch die ersten Yogaübungen. Aber welche das sind, das kann ich vorher nie so genau sagen. Denn ein Vata-Stress ist anders als ein Pitta-Stress, und eine Kapha-Konstitution braucht ihrerseits spezielle Übungen. Das ist die Stärke des ayurvedischen Ansatzes: Wir scheren die Menschen nicht über einen Kamm, sondern wir finden immer individuelle Lösungen.

Wenn die Gedanken überschäumen

Meditation kommt in der Regel erst später, wenn der Kopf wieder halbwegs frei ist.
Am Anfang steht die Analyse. Denn Stress ist vor allem Kopfsache. Wenn wir unsere Gedankenmuster nicht bearbeiten, besteht die Gefahr, dass wir Meditationsübungen wie einen Deckel auf einen brodelnden Topf setzen. Was passiert? Der Topf kocht über und der Deckel tanzt auf dem überschäumenden Inhalt…

In solchen Fällen empfehle ich zuerst Yoga. In den klassischen Körperübungen, den Asanas, erreichen wir den Menschen in seiner Ganzheit aus Körper, Geist und Seele. Zwischen der Körperhaltung und der geistigen Disposition besteht eine enge Verbindung.
Stellen Sie sich bitte einen depressiven oder ängstlichen Menschen vor.
Wie wird er sich bewegen? Wie ist seine Körperhaltung? Richtig – zusammengesunken. Der Rücken wird rund, der Atem wird flach, und es wird ihm eng ums Herz. Angst hat wortgeschichtlich mit „Enge“ zu tun.

Wenn wir den Brustraum weiten und öffnen, wenn der Atem wieder frei fließen kann, kehren auch Mut und Selbstvertrauen zurück. Die Neurobioimmunologie hat kürzlich bestätigt, was Yogis schon immer wussten: Zwischen Körper und Geist besteht ein reziprokes Verhältnis.

Typgerechte Yoga-Übungen

Doch zurück zu den Doshas:

Für agitierte Pitta-Menschen mit viel Rajas (Aktivität und eventuell Aggression) empfehle ich zuerst dynamische und kraftvolle Übungen wie den Sonnengruß und die Kriegerpositionen, danach erst können beruhigende Übungen wie Vorwärtsbeugen und Meditationen folgen. Pitta-Menschen sollten sich nach dem Praktizieren kühl und entspannt fühlen.

Für etwas träge Kapha-Menschen, die gern im Liegen beginnen und eigentlich eher bequem sind, sollte sich das Üben umgekehrt steigern, sie können ruhig beginnen, sollten dann aber durchaus ins Schwitzen kommen. Es ist gut, wenn sie sich nach dem Üben bewegt, warm und leicht fühlen.

Vata ist bekanntermaßen am empfindlichsten gegenüber Stress. Alle Stressphänomene sind im Grunde Vata-Symptome. Hier ist es wichtig, harmonisch, gleichmäßig und ruhig zu üben – zu Beginn durchaus in sanfter Dynamik, dann aber auch gern beruhigend und erdend. Oftmals variiere ich die Übungen nur hinsichtlich der Dauer des Haltens und des Atemflusses, um sie für die Doshas anzupassen.

Die yogische Körperarbeit wirkt hervorragend auf alle Stressphänomene, solange wir keinen falschen Ehrgeiz entwickeln.
Das beobachte ich oft bei den sehr sportlichen und stylischen Yogatrends des 21. Jahrhunderts – wiederholen wir da nicht mit anderen Mitteln unser alltägliches Stress- und Wettbewerbsmuster?

Die positiven Effekte der Meditation

Meditation ist die Königsdisziplin des Yoga. Gerade in den letzten Jahren wurden umfangreiche klinische Studien dazu gemacht.
Sie beweisen: Meditierende haben bessere Gedächtnisleistungen, sind resistenter gegen Stress, sie vermögen ihre Emotionen und ihren Willen besser zu kontrollieren und sind zufriedener mit ihrem Leben. Sie zeigen auch in höherem Alter eine signifikant bessere Konzentrationsleistung als nicht meditierende junge Menschen.

Die fluide Intelligenz, die Fähigkeit zur aktiven Problemlösung erhöht sich. Die Koordination der beiden Gehirnhälften verbessert sich. Neue Nervenzellen bilden sich bereits nach wenigen Wochen regelmäßiger Übung. Die graue Hirnmasse nimmt zu.

Das Gehirn altert weniger schnell. Meditation ist die beste Prävention gegen Demenz. Diese Effekte wurden durch moderne bildgebende Verfahren eindrucksvoll verifiziert.

Meditation fördert Intuition, Geisteskraft, Unterscheidungsvermögen und Sensibilität. Sie verhilft zu mehr Gelassenheit, Stabilität und innerer Stärke. Meditierenden fällt es leichter, die richtigen Prioritäten zu setzen und in Krisensituationen zusätzliche Energien zu mobilisieren.

Es gibt also keinen Grund, nicht zu meditieren!
Sogar die investierte Zeit wird einem reichlich zurückgeschenkt.

Teile diese Seite mit Deinen Freunden
  • 6