Archiv für November, 2021

Kräuter und Gewürze

Ayurveda-Hausapotheke gegen Erkältungserkrankungen

Ayurvedische Kräuter und einfache Gewürze aus dem Küchenschrank können Erkältungskrankheiten auf gezielte Weise positive beeinflussen. Kennen wir die Symptome und Einsatzmöglichkeiten der dazu passenden Substanzen, können wir gute Ergebnisse bei Erkältungskrankheiten erzielen.

Gewürznelken sind besonders zur Prophylaxe geeignet, unterstützen jedoch auch akut den Heilungsprozess. Sie fördern die Schleimreduktion, entkrampfen die Atemwege und haben sich bei verschiedenen Atemwegserkrankungen bewährt. Zur Vorbeugung sollte man einfach in der kalten Jahreszeit mehrmals täglich eine Gewürznelke kauen oder besser noch einen Tee bereiten: 5 bis 10 Gewürznelken in einem Liter Wasser 10 bis 20 min. abgedeckt kochen und über den Tag verteilt heiß genießen.

Kurkuma (Gelbwurz) ist ein hervorragendes Mittel bei Erkältungskrankheiten und geschwächter Abwehr, sowohl zur Vorbeugung, als auch in den Anfangsstadien und flankierend zur Behandlung. Es ist erwärmend und ‘reinigt das Blut’. Vor allem durch seinen bitteren Geschmack wirkt es sich positiv bei allen Erregerformen aus, ist quasi ‘antiseptisch’. Er ist entzündungshemmend, schmerzlindernd und entgiftend. Gern wird er bei Mandelentzündung zum häufigen Gurgeln verwendet. Generell aber kommt das Pulver innerlich in einer Dosierung von 2 bis 3 g zweimal täglich mit warmem Wasser eine halbe Stunde vor der Mahlzeit zum Einsatz.

Ingwer ist ebenfalls scharf, wärmt und fördert den Stoffwechsel. Zudem entkrampft es die Atemwege und tonisiert die Stimme. Besonders im Anfangsstadium von Erkältungskrankheiten sollte Ingwer in allen Formen eingenommen werden (als Pulver mit Honig, als Tee, als Gewürz) besonders gut ist jedoch, einen halben Teelöffel frischen geriebenen Ingwer mit einer Prise Steinsalz kurz vor den Mahlzeiten zu verwenden, ggf. mit ein paar Tropfen vom Saft einer Bio-Zitrone.

Süßholz nimmt eine wichtige Rolle bei Erkältungskrankheiten ein. Es reduziert alle drei doshas, ist bei ausgeprägter kapha-Dominanz jedoch zurückhaltend einzusetzen. Es ist ein aufbauendes Mittel (rasayana), kräftigt und harmonisiert auch die Psyche. Besonders lindernd wirkt es auf den Rachen bei Heiserkeit und Halsschmerzen. Es ist auswurffördernd und kann somit auch bei Prozessen, die tiefer in den Bronchien sitzen, eingenommen werden: als Tee 1 bis 2g 2 bis 3x täglich oder die groben Wurzelstücke kauen. Es ist eine Art „Schleimhautpflege“.

Kalmus erhält man in der Apotheke. Diese scharfe Knolle reduziert stark kapha, ist jedoch nur zurückhaltend bei dominanten pitta einzunehmen. Es ‘kratzt’ das kapha aus den Atemwegen und weitet die Bronchien. Als beruhigendes, nervenkräftigendes Kraut ist es somit besonders gut bei Asthma bronchiale geeignet. Zudem ist es gut für die Stimme und schmerzlindernd. Das Pulver wird gering dosiert: 0,5 g 2 bis 3x täglich mit Honig.

Vasa ist das klassische Heilkraut im Ayurveda für Erkrankungen, die mit Husten und Atemnot (z.B. Bronchitis, Asthma bronchiale) einhergehen. Somit ist es zu bevorzugen, wenn die Symptome in tiefere Regionen des Atemtraktes abgestiegen sind. Es reduziert kapha und pitta, ist sehr bitter, auswurffördernd und weitet die Bronchien. Allerdings erhält man es nur in ayurvedischen Fachversandhandel. Die Dosierung des Pulvers wäre 3 bis 5 g 2 bis 3x täglich mit Honig. Auch als medizinischer Likör ist es erhältlich.

Indischer Weihnrauch hat in der Fachwelt bei der Behandlung von Gelenkserkrankungen Aufsehen erregt. Es wird z.Zt. intensiv beforscht. Allerdings ist kaum bekannt, dass er mit seiner entzündungshemmenden, wundheilenden und schmerzlindernden Wirkung auch besonders für den Atemtrakt zu empfehlen ist. Er ist auswurffördernd, reduziert kapha und pitta und erhöht nachweislich die lokale Abwehr im Atemtrakt. Er wird bei chronisch-entzündlichen und eiterbildenden Erkrankungen der tieferen Atemwege empfohlen (1 bis 3g gereinigtes Pulver des Harzes 2 bis 3x täglich).

Bibhitaka ist ein berühmtes Tonikum (rasayana) im Ayurveda und Teil der Kombination Triphala (“die drei Früchte”). Es ist wärmend und reduziert alle drei doshas. Diese kräftigende Wirkung zeitigt es besonders bei Bronchitis und Asthma bronchiale. Man gibt es gern in Kombination mit anderen Mitteln für die Atemwege. Das Pulver ist unbedenklich als Nahrungsergänzung in einer Dosierung von 3 bis 6g 2 bis 3x täglich mit Honig einzunehmen und ist im Fachversandhandel erhältlich.

Die Elemente

Prakriti – das wahre Selbst

… oder die Kunst im Einklang mit der eigenen Konstitution zu leben

In der Schöpfung ist jedes Wesen einzigartig. Und so wie jedes Tier, jede Pflanze und jedes Mineral über seine ganz besonderen Eigenschaften verfügt, so ist auch jeder Mensch ein einzigartiges Wesen, das kein Gleiches auf dieser Welt findet. Erkennen wir unsere wahre Natur (prakriti), so haben wir aus ayurvedischer Sicht bereits ein hohes Maß an Selbsterfüllung erlangt. Denn eines der elementaren Ziele des Lebens und Heilens ist es, im Einklang mit der eigenen Konstitution zu sein. Hierin liegt der Schlüssel für ein langes, gesundes und erfülltes Leben. Dies ist allerdings schwieriger, als es sich im ersten Moment anhört. Nicht nur, dass wir uns durch einen Dschungel von (teils etwas zweifelhaften) Fragebögen über die körperlichen und mentalen Eigenschaften unserer Vata-, Pitta- und Kapha-Anteile hindurcharbeiten müssen, die jede Menge Peinlichkeiten von uns aufdecken: Von der Verdauung über das Sexualverhalten bis zur Kindheitserinnerung, alles wird abgefragt und analysiert. Auch in der Unterscheidung zwischen unserer ursprünglichen Grundkonstitution (prakrit) und dem derzeitigen, oft in Disharmonie geratenen Ausdruck unserer Dosha-Zusammensetzung (vikriti), liegen viele Fallstricke und Missverständnisse zwischen unserem wahren und unserem gemachten Selbst.

Wer sich mit der ayurvedischen Konstitutionslehre auseinandersetzt, trainiert erst einmal seine Wahrnehmungsfähigkeit und Beobachtungsgabe in der differenzierten Unterscheidung von signifikanten Doshaseigenschaften, in ihrer dynamischen Manifestation. Wir lernen beispielsweise schmale, trockene, unruhige, rissige Hände mit hervorstehenden Gelenken und Adern (vata) von warmen, rosigen, feuchten Händen (pitta) oder dicken, großen, kühlen, festen, öligen Händen (kapha) zu unterscheiden. Je nach dem wie die Fingernägel, Handgelenke und Hautstrukturen sind, können sich die konstitutuinstypischen Merkmale verstärken oder mischen…. Darauf aufbauend werden vertiefende Diagnosetechniken eingesetzt, um den individuellen Gesundheits- und Krankheitszustand der Körpergewebe, -Organe, -Kanäle und -Systeme zu bestimmen.

Ohne professionelle Diagnose und Anleitung ist es den wenigsten Menschen vergönnt, ihre wahre Konstitution zu entschlüsseln. Findet man jedoch einen qualifizierten Ayurveda-Arzt oder –Therapeuten, so ist es eine faszinierende Erfahrung, was unser Pulsschlag, unser Zungenbelag und unsere körperliche Erscheinung über unsere wahre Persönlichkeit aussagt und welche Rückschlüsse sich daraus über Gesundheit und Krankheit, Vorlieben und Abneigungen schließen lassen.

Ausgangspunkt für alle individuellen Betrachtungen der Befindlichkeiten und Störungen des Menschen ist das Erkennen der Grundkonstitution (prakriti), welche die körperliche Erscheinung sowie der Persönlichkeit innewohnenden Charakterausprägung und Potentiale von Geburt aus bestimmt. Entsprechend der grundlegenden Anlagen werden die Gewichtung und Ausdrucksweise der drei Doshas vata, pitta und kapha auf genetischer und biologischer Ebene codiert und in sieben mögliche Konstitutitionstypen festgelegt. Dabei spielt die körperliche und psychische Verfassung der Eltern, die Jahreszeit sowie der Ort der Zeugung eine große Rolle. In der Gebärmutter der Frau wird die Konstitution weiter geformt und gefestigt. Das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft hat eine sehr große Bedeutung für das Leben und die Konstitution des ungeborenen Kindes. Manche Ayurveda-Ärzte sprechen davon, dass Zeit im Mutterleib bis zu 80% unserer Konstitutionsbildung ausmacht. Zusätzlich beeinflussen noch andere Elemente, wie z.B. karmische Einflüsse, der Zeitpunkt der Geburt sowie die Nahrung und Umgebung der ersten Lebensmonate während und nach der Geburt das Prakriti.

Der pränatale Einfluss auf die Konstitutionsbildung kann manchmal frappierend sein. So habe ich in meiner eigenen Ayurveda-Praxis viele Patienten erlebt, die z.B. eine konstitutionsbedingte Anlage zu Übergewicht hatten, da ihre Mütter während der Schwangerschaft unter massiven Bewegungsmangel und Übergewicht litten. Oder Kinder, die während der Kriegsjahre gezeugt und ausgetragen wurden leiden oft konstitutionsbedingt an einer Herzschwäche, die durch die existentiellen Nöte und Ängste dieser Zeit hervorgerufen wurden. Andererseits habe ich aber auch schon viele Menschen erlebt, die aufgrund ihrer außerordentlich stabilen Grundkonstitution äußerst belastbar sind. Wenn ein gesundes Baby in einer gesunden Familie heranwächst, so kann es als Erwachsener oft für viele Jahre Raubbau mit seiner Gesundheit treiben, ohne das sich daraus resultierende Beschwerden einstellen.

Aus ayurvedischer Sicht offenbart sich in der individuellen Konstitution das Schicksal des Menschen. Denn es ist uns auf Dauer nicht möglich, gegen die eigene, ursprüngliche Natur zu Leben – so wie man aus einem Goldfisch auch keinen Kanarienvogel machen kann. Und doch stehen die meisten von uns auf Kriegsfuß mit ihren körperlichen oder mentalen Anlagen: Egal ob wir schlank, kreativ und medial veranlagt (vata), sportlich, ehrgeizig und sommersprossig (pitta) oder ruhevoll, ausdauernd und sparsam (kapha) sind, wir identifizieren uns eher mit den Schattenseiten unserer Konstitution als mit dem in uns schlummenden Potential. Entsprechend unserer frühkindlichen Prägungen sind wir so lange zurechtgestutzt worden, bis alle prägnant hervortretenden Dosha-Eigenschaften ausgemerzt wurden: Den bewegungsfreudigen Vata-Kindern wurden mit Sätzen wie: „Zappel nicht so rum! Rede nicht so viel! und Sei nicht so wankelmütig!“ die Freude an der eigenen luftigen und freiheitsliebenden Natur genommen. Die willensstarken Pitta-Kinder wurden mit „Sei nicht so egoistisch!“, „Du musst lernen dich anzupassen!“ oder „So lange du die Füße unter meinen Tisch streckst, hast du hier nichts zu sagen!“  in ihrer ausdrucksstarken Lebenslust ausgebremst. Kapha-Kinder, die von Natur aus etwas langsamer und selbstgenügsamer sind wie andere Menschen, mussten sich ständig mit „Trödle nicht immer!, Streng dich mehr an! und „Lass dir nicht alles gefallen!“ auf die vemeindlichen Härten des Lebens vorbereiten lassen.

Die Kunst, im Einklang mit der eigenen Konstitution zu Leben ist gleichbedeutend mit der Loslösung aller (negativ) interpretierender Konstitutionsbilder und die Entdeckung der in uns verborgenen Fähigkeiten und Potentiale. Lassen wir die zwar wohlgemeinten, aber häufig demotivierenden Ratschläge unserer Umgebung hinter uns, so entdecken wir unsere ganz eigenen Möglichkeiten, die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Nur indem wir unsere typgerechten Stärken nutzen und erproben, werden wir uns der ungeahnten Möglichkeiten unseres wahren Selbstes bewusst. Dabei kann Vata immer auf eine gute Idee – auch in größter Not – vertrauen, Pitta auf seine Intelligenz und Kapha auf seine Stabilität und Anpassungsfähigkeit. Welche dieser unentdeckten Schätze noch in uns verborgen sein könnte, erfahren wir häufig erst durch eine Krankheit, und wenn wir uns im Heilungsprozess von den negativen Auswüchsen der desulaten Dosha-Ansammlung verabschieden dürfen. Sehr viel einfacher ist es jedoch, sich bereits im gesunden Zustand auf die Suche seiner wahren Natur zu begeben und das Leben im Lichte der eigenen Konstitution zu genießen.

 

Wichtige Faktoren für eine gesunde Konstitutionsbildung vor der Geburt
(garbhaj prakriti)

  1. Der Zustand der Gebärmutter: Die Gebärmutter beherbergt das Kind 9 Monate lang und sollte deshalb gesund und frei von Dosha-Störungen sein.

  2. Ernährung und Lebensweise der Mutter: In der Schwangerschaft beeinflussen sowohl die Ess- und Lebensgewohnheiten als auch der Gemütszustand der Mutter die Konstitutionsbildung des Kindes in sehr starkem Maße. Falsche Ernährungs- und Verhaltensweisen sowie starke psychische Belastungen in der Schwangerschaft führen zu bleibenden Schwachpunkten der Konstitutionsprägung.

  3. Seelisch-geistige Komponenten: Der Ayurveda geht davon aus, dass die Manifestierung der individuellen Natur ein Abbild und eine Hülle für die eigene spirituelle Natur, das persönliche Schicksal und das übergeordnete Lebensziel ist.

Wichtige Faktoren für eine gesunde Konstitutionsbildung nach der Geburt
(jathaj prakriti)

  1. Die Lebensweise der Eltern (jati): Entsprechend der täglichen Lebensweise (z.B. Sport, Ernährung) und Belastungsfaktoren (Stress, Bewegungsmangel) wird sich die Konstitution und physische Belastbarkeit ausprägen.
  1. Familientraditionen und erbliche Faktoren (kula): Bestehen traditionelle Berufsbilder und Lebensmodelle in einer Familie, so hat auch dies einen großen Einfluss auf die grundlegende Persönlichkeitsbildung des Kindes.
  1. Rassenfaktoren und klimatische Bedingungen (deshanupatini): Verschiedenartigen Ländern und Klimabedingungen beeinflusst durch ihre ortsbedingten Faktoren die verschiedenartige Prakriti.
  1. Jahreszeiten und saisonale Faktoren (kala): Je nachdem ob ein Kind im Winter oder Sommer geboren wurde, weist seine Prakriti spezielle Eigenschaften seiner ersten Jahreszeit auf.
  1. Altersfaktoren (vaya): Die Konstitution eines Menschen verändert sich auch langsam entsprechend dem Alter und der vorherrschenden Lebensphase.