Nahrung als Medizin für den Bewegungsapparat

Ayurveda, die traditionelle Medizin Indiens, betrachtet eine gesunde Ernährung als Basis einer jeden Therapie. Mit dem, was wir jeden Tag essen, entscheiden wir über Gesundheit und Krankheit in Körper und Psyche. Leben wir auf gesunde Weise, so ist dies der beste Schutz gegen Störungen aller Art. Leiden wir jedoch bereits unter Beschwerden, so können diese behoben werden, indem wir die krankheitsverursachenden Faktoren der falschen Ernährung und Lebensweise meiden.
So benötigt nicht jeder Mensch eine Heildiät. Für die meisten reicht es völlig aus, die Grundprinzipien einer gesunden und typgerechten Ernährung in ihren Alltag zu integrieren, um sich wohlzufühlen. Bestehen jedoch bereits ernährungsbedingte Beschwerden – wie Erkrankungen des Verdauungstrakts, der Atemwege oder des Bewegungsapparats – so helfen Spezialdiäten und Heilrezepturen als wirkungsvolle Therapie.


Entscheidend für eine gesunde Ernährung ist der individuelle Ansatz. Aus ayurvedischer Sicht verfügt jeder Mensch über eine ganz eigene Konstitution, die seine körperliche Erscheinung, Verdauungskraft und Krankheitsneigung prägen. Verantwortlich dafür sind drei dynamische Kräfte, die sogenannten Doshas, die als Vata, Pitta und Kapha bezeichnet werden. Befindet sich der Mensch im Einklang mit seiner Konstitution, so ist er gesund. Krankheit dagegen wird als Ungleichgewicht bzw. Ansammlung der Doshas angesehen, die das individuelle Gleichgewicht stören.
Mit dem täglichen Speiseplan üben wir einen direkten Einfluss auf die drei Doshas aus. Verstehen wir es, die Auswahl, Menge und Eigenschaften der Nahrung auf die körperlichen und psycho-mentalen Bedürfnisse abzustimmen, können die meisten krankheitsverursachenden Disbalancen – wie Wetterfaktoren, Stress, Mangelzustände oder konstitutionsbestimmte Veranlagungen – ausgeglichen werden. Darauf aufbauend helfen diätetische Rezepturen, den Stoffwechsel direkt zu steuern und ihn gezielt mit den Qualitäten zu versorgen, die die Selbstheilungskräfte ankurbeln.

 

Typgerechte Nahrung als Schlüssel für die Gesundheit

Das Fundament der gesamten Ayurveda-Diätetik ist ein konstitutionsgerechtes Ernährungskonzept. Dieses basiert auf einer umfassenden Analyse der individuellen Konstitution, ihrer Störungen und der dafür ausgleichenden Nahrung. Dabei lassen sich Heilkräfte von Nahrungsmitteln unmittelbar an ihrem Geschmack (rasa) und ihren Eigenschaften (guna) ableiten. Deren individueller Einsatz wird von dem therapeutischen Prinzip „mit dem Gegensätzlichen heilen“ bestimmt.

Dies bedeutet in der Praxis:

  • Ein zu hohes Vata ist Ursache für übermäßige Trockenheit, Kälte, Verlust von Körpersubstanz und Immunkraft. Zu den typischen Vata-Erkrankungen zählen Blähungen, Verstopfung, Beschwerden des Bewegungsapparats, neurologische Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen und mentale Labilität. Zum Ausgleich werden im Ayurveda warme, gekochte und regelmäßige Mahlzeiten mit natürlich süßen, feuchten und leicht verdaulichen Nahrungsmitteln empfohlen.
  • Ein zu hohes Pitta ist Ursache für übermäßige Hitze, Übersäuerung, Entzündungsprozesse, Sodbrennen, Hauterkrankungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, mentale Reizbarkeit. Zum Ausgleich werden im Ayurveda eine basische Kost mit viel Salat, süßem Wurzelgemüse, Vollkorngetreide sowie die strikte Vermeidung von sauren und erhitzenden Speisen empfohlen.
  • Ein zu hohes Kapha ist Ursache für übermäßige Trägheit, Verschleimung, Übergewicht, Diabetes, Atemwegserkrankungen, HNO-Beschwerden, Ödeme und Depressionen. Zum Ausgleich werden im Ayurveda leichte und anregende Speisen mit trockener Nahrung, bitteren Blattgemüsen und stoffwechselaktivierenden Gewürzen empfohlen.

 

Empfehlungen der typgerechten Ernährung

Dosha empfehlenswerte Eigenschaften empfehlenswerter Geschmack Beispielhafte Nahrungsmittel und Gewürze
 

Vata

 

feucht, warm zubereitet, nährend süß, salzig, sauer Hafer, Reis, Beerenfrüchte, Feigen, Mungobohnen, Wurzelgemüse, Butter, Milch, Mandeln, Cashewnüsse, Ingwer, gekochter Knoblauch, Kreuzkümmel
 

Pitta

 

kühl, mild, feucht, nährend, aufbauend süß, bitter, zusammenziehend Reis, Gerste, Dinkel, Blattgemüse, Mungobohnen, Kichererbsen, Trauben, Granatapfel, Rosinen, Koriander, Kardamom, Kurkuma
 

Kapha

 

trocken, erhitzend, flüssig, anregend scharf, bitter, zusammenziehend Mungobohnen, Kichererbsen, Blattgemüse, Rettich, Sesam, Gerste, Trockenfrüchte, Honig, Senfsamen, Bockshornklee, Pfeffer

 

Beschwerden des Bewegungsapparats ayurvedisch betrachten

Nur wenigen der Betroffenen ist bewusst, dass ihre Rücken- oder Gelenkbeschwerden direkt mit dem Speiseplan in Verbindung stehen. Doch aus Sicht der Ayurveda-Medizin zählen fast alle Beschwerden des Bewegungsapparats zu den ernährungsbedingten Erkrankungen.
Dabei unterscheidet die ayurvedische Heilkunde zwei Arten von Beschwerden des Bewegungsapparats: Leiden wir unter Arthrose, Osteoporose, Nackensteifigkeit, Gelenkknacken oder -schmerzen, so ist dies primär auf eine Vata-Störung zurückzuführen. Ayurveda-Kenner wissen nun, dass das Vata-Dosha als Bewegungsprinzip im Körper direkt mit dem neurologischen System in Verbindung steht und unter anderem für die Flexibilität von Muskeln und Gelenken verantwortlich ist. Wird das Vata durch mentale oder körperliche Überanstrengung, Kälte, Trockenheit und Mangelernährung erhöht, so reagiert der Organismus häufig mit degenerativen Beschwerden des Bewegungsapparats.

Weitaus komplexer sind die rheumatischen Erkrankungen: Für sie ist nicht nur ein gestörtes Vata-Dosha verantwortlich, sondern auch unverdaute Stoffwechselschlacken, die im Ayurveda als Ama bezeichnet werden. Ama sind toxischen Substanzen, die immer dann entstehen, wenn der Körper nicht in der Lage ist, Nahrung vollständig aufzuschlüsseln und zu verdauen. Die unverdauten Rückstände werden in den Zirkulationskanälen (Srotas) eingelagert und führen zu Schmerzen und Steifigkeit im Körper. In diesem Sinne sind alle rheumatischen Erkrankungen – inklusive der rheumatoiden Arthritis – ernährungsbedingte Beschwerden, deren Behandlungsstrategie primär mit einer gezielten Diät beginnen sollte. Erst im darauffolgenden Therapieverlauf machen manual- und bewegungstherapeutische Maßnahmen wirklich Sinn.

 

Gesunde Ernährung bei Arthrose und Osteoporose

Allen Therapien zur Behandlung des Bewegungsapparats liegt eine Vata-reduzierende Kost mit regelmäßigen, warmen, frisch gekochten und mild gewürzten Mahlzeiten zugrunde. Fermentierte, herbe, trockene und kalte Speisen sollten hingegen gemieden werden. Dies allein bedeutet für den betroffenen Patienten oftmals eine große Umstellung des täglichen Speiseplans, da sie angehalten werden, täglich drei warme, frisch gekochte Mahlzeiten, und das immer zur selben Zeit, einzunehmen und jegliche Form von Joghurt, Käse, trockenem Brot, Blattgemüsen und Alkohol zu meiden.
Von einer strikt veganen oder vegetarischen Ernährung wird im Ayurveda bei Bewegungsapparats-Problematiken abgeraten. Traditionelle Ayurveda-Ärzte empfehlen gerne Milch und Hühnerbrühe aufgrund ihrer aufbauenden und regenerativen Eigenschaften. Speziell Artrose- und Osteoporose-Patienten sollten diese nährenden Substanzen diätetisch in Kombination mit Getreide und basischen Wurzelgemüsen einsetzen.

 

Ayurveda-Empfehlungen für den Bewegungsapparat

  • Fermentierte, frittierte, erhitzende, trockene und kalte Speisen erhöhen das Krankheitsrisiko und sollten gemieden werden
  • Regelmäßige, warme, frisch gekochte und mild gewürzten Speisen bevorzugen
  • Hirse (Ragi) hat eine knochenaufbauende Qualität. Die trockene Qualität der Hirse kann durch die Zubereitung mit ausreichend Wasser, Ghee und Vata-reduzierenden Gewürzen ausgeglichen werden
  • Mandelmilch enthält auch eine große Menge Kalzium. Zusammen mit einer Prise Ingwer, Kardamom und Safran sind sie eine gute Nahrungsergänzung bei degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparats
  • Datteln, Aprikosen und Kokosnuss wirken besonders aufbauend und regenerativ auf Knochen und Gelenke

 

Rheuma ayurvedisch verstehen und behandeln

Rheuma wird im Ayurveda als Ama Vata bezeichnet und als chronische Erkrankung der Gelenke im Körper bzw. chronische Polyarthritis beschrieben. Durch ein schwaches Verdauungsfeuer (Manda Agni) und falsche Ernährung ist der Stoffwechsel nicht in der Lage, die Nahrung vollständig zu verwerten, und es entsteht Ama (unverdaute Stoffwechselrückstände), das sich in den Gelenken einlagert. Die Symptome von Ama Vata manifestieren sich in Form von intensiven Schmerzen (wie bei einem Skorpionbiss), Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Herzbeschwerden sowie Verformungen, Schwellungen oder Kontrakturen der Finger, Hände und Füße.
Als weitere ama-vata-förderliche Krankheitsfaktoren nennt die klassische Ayurveda- Literatur ungesunde Lebensgewohnheiten, allen voran übermäßige und zu häufige Nahrungsaufnahme (Völlerei), Tagesschlaf sowie exzessive sexuelle oder sportliche Aktivitäten direkt nach dem Essen.

 

Ayurveda-Hausapotheke bei rheumatischen Beschwerden

Getrockneter Ingwer (Shunti) und gekochter Knoblauch sind die wichtigsten Gewürze, um Vata-Ama-Beschwerden diätetisch zu begleiten. Sie sollten in jeder Hauptmahlzeit enthalten sein.
Die Behandlung der rheumatischen Beschwerden ist ausgesprochen komplex. Aufgrund der Ama-Bildung sind Ölmassagen sowie die Einnahme von öliger, klebriger, schwerer, saurer und sehr feuchter Nahrung stark kontraindiziert. Besonders Joghurt, Käse und andere fermentierte Milchprodukte sind aufgrund ihrer blockierenden Eigenschaft (abhishyandi) untersagt und sollten im Speiseplan gemieden werden. Ebenso abzuraten ist auch von fettigen und frittierten Speisen sowie sauren Früchten wie Zitrusfrüchte, Beeren, Ananas und Tomaten.

Die ayurvedische Primär-Literatur Charaka Samhita enthält eine genaue Nahrungsmittelliste und strenge Anleitungen für eine Anti-Ama-Diät bei rheumatischen Beschwerden. Diese basiert auf der sanften Anregung des Stoffwechsels zur Reinigung und Beseitigung von Stoffwechselschlacken mittels einer Fastenkur (Langhana) mit Mungdalsuppe und Reisbrei. Ergänzend dazu werden ama-reduzierende Kräuter und Rezepturen eingesetzt. Hier zeigen nun Ingwer und gekochter Knoblauch als Gewürz in der Linsensuppe und etwas Pippali (langer Pfeffer) mit etwas Honig vor dem Mittagessen eine sehr gute Wirkung.

Während der Reinigungskur sollten körperliche und mentale Anstrengungen, kalter Wind und alle öligen Substanzen (innerlich und äußerlich) gemieden werden. Am besten ist es, ein zwei- bis dreitägiges Fastenprogramm durchzuführen und dies mit ausgleichender Bewegung (Yoga oder kleine Spaziergänge) und trockenen Wärmeanwendungen in Form von Wickeln oder Kirschkissen zur lokalen Anti-Ama-Therapie zu ergänzen.

 

Wichtige Ernährungsempfehlungen bei Rheuma und rheumatoider Arthritis

Das meiden von

  • Joghurt, Käse, Quark  – diese beinträchtigen aufgrund ihrer srotablockierenden Wirkung (abhishyandi) Meda- und Mansa-Dhatus und sind stark kontraindiziert
  • kalten Speisen und Getränken
  • fettiger und schwer verdaulicher Nahrung wie Käse, Süßigkeiten
  • sauren Speisen wie Essig, Zitrusfrüchten, Beerenfrüchten, Tomaten, fermentierten Milchprodukten
  • tierischen Produkten, insbesondere Fleisch und Wurst
  • Stimulanzien wie Alkohol, Nikotin und koffeinhaltigen Getränken
  • aufgewärmten Speisen, Konservierungsstoffen, Farbstoffen, größeren Mengen an Industriezucker, Tiefkühlkost
  • unverträglichen Nahrungsmittelkombinationen (virrudhahara), die Ama erzeugen: Milch nicht in der Kombination mit Fisch, Fleisch, Früchten, Blattgemüsen, Rettich, Wein, Sesamsamen, Sesamöl und Senf
  • Generell sollte Nahrungsmittel mit intensiv süßem, saurem und salzigem Geschmack im Übermaß gemieden werden

 

Vorsicht Stress – wie die Psyche unseren Bewegungsapparat beeinflusst

Nicht zu unterschätzen ist die psychische und psychosomatische Komponente bei den Beschwerden des aktiven und passiven Bewegungsapparats. Alle Emotionen und mentalen Störungen wirken direkt auf die Körpergewebe – wie Muskeln (Mamsa), Knochen (Asthi) und Nerven (Majja) – ein. Leiden wir unter muskuloskelettaren Problematiken, so vermindert dies auch die psychische Belastungsfähigkeit, mentale Kraft und Stress-Resistenz.

Oftmals sind psychische Belastungen der auslösende Faktor für eine Vata-Erkrankung des Bewegungsapparats. Interessanterweise sind es aber nicht immer nur Stress, Anspannung und Überlastung, die zu Schmerz, Verspannung und Verschleiß führen. Auch unerfüllte Bedürfnisse und ein Mangel an typischen Vata-Vorlieben – wie kreativen Tätigkeiten, körperlicher Berührung und offener Kommunikation – können zu Rückenbeschwerden und Bewegungseinschränkungen führen. Frei nach dem Motto: Ist die Persönlichkeit in Deinem dynamischen Selbstausdruck eingeschränkt, so zeigt sich die Lähmung gleichzeitig auf geistiger und körperlicher Ebene. Für viele Menschen ist es deshalb wichtig, neben einer Ernährungsumstellung auch über ihr Leben neu nachzudenken: Um körperliche Mobilität und Dynamik genießen zu können, braucht es auch eine psychische Beweglichkeit. Wer unter ernährungsbedingten Stoffwechselrückständen (Ama) leidet, die seinen Körper lähmen, der leidet häufig auch unter mentalem Ama, das unverdauten Erinnerungen und Erlebnissen der Vergangenheit entspringt.

Gleichzeitig ist auch das Übermaß an Flexibilität und Dynamik ein nicht zu unterschätzender Krankheitsfaktor. Befindet sich unser Alltag im stetigen Chaos, Stress und haben wir den Ruhepol unserer Work-Life-Balance verloren, so ist es kein Wunder, wenn das stabile Gerüst unseres Bewegungsapparats leidet und verschleißt.
Nun helfen kleine Rituale, die uns nähren und stärken – von der sanften Yoga- und Atemübung zum Stressabbau bis hin zur warmen Gemüsesuppe mit vata-reduzierenden Gewürzen am Abend. Auf diese Weise können bereits einfache Tipps helfen, das Leben mit mehr Stabilität und Kraft zu genießen.

 

Noch mehr über Ayurveda-Diätetik erfährst Du in meinem Buch „Ayurveda heilt – Ernährung als Medizin“ .

 

 

 

 

 

 

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