Meditation bei Stress-Erkrankungen

Interview mit Stephanie Bunk, Psychologin, Yogalehrerin und Meditationsleiterin

1. Gibt es im Yoga und Ayurveda ein Konzept für„Detox für den Geist“? Was können wir uns darunter vorstellen? 

In vielen Studien konnte nachgewiesen werden, dass die Art unserer Gedanken Einfluss auf den Chemiecocktail des Körpers ausübt. Positive Gedanken und Emotionen fördern demnach unsere Gesundheit. Negative Gedankenmuster und Emotionen schwächen unser körperliches und geistiges Immunsystem und begünstigen die Entwicklung von körperlichen und psychischen Erkrankungen. Detox des Geistes bedeutet, den Geist von mentalen Blockaden und Schlacken (Amas) zu befreien, die den energetischen Lebensfluss blockieren. Dazu zählen Traumata, die sich in Form von destruktiven Gedankenmustern und Emotionen äußern. Sie sind eigentlich nichts anderes als im Körper-Geist-System festgehaltene, nichtverarbeitete Energie.

Aus Sicht des Yoga und des Ayurveda ist eine Auflösung der mentalen Blockaden zur Wiederherstellung des geistigen und körperlichen Gleichgewichts notwendige Voraussetzung für die Heilung des Menschen. Denn ein gereinigter Geist, der spürbar wird durch Klarheit, innere Freiheit, Intuition, Spontaneität, Kreativität und Lebensfreude reflektiert das Licht der Seele ungehindert und führt zum schöpferischen Selbstausdruck. Viele Erkrankungen, wie z.B. Burnout, entstehen, weil im Unterbewusstsein alte Traumata aktiv sind. Sie erzeugen Stressmuster und verhindern, dass wir im Einklang mit unserer Prakriti handeln und leben. Diese müssen verarbeitet und transformiert werden, damit eine ganzheitliche Heilung des Menschen möglich wird. Diesbezüglich gibt es im Yoga als auch im Ayurveda viele Möglichkeiten. Man muss dabei gar nicht so streng zwischen Yoga und Ayurveda trennen. Denn sie sind sogenannte Schwesterndisziplinen, die viele Gemeinsamkeiten haben und sich gegenseitig auf positive Weise inspirieren und beeinflussen. Dennoch hat jede Disziplin für sich betrachtet auch besondere Schwerpunkte, um die Entschlackung des Geistes zu ermöglichen.

Bei der Yogapraxis wird besonders durch das Pranayama die Reinigung des Geistes von mentalen und emotionalen Spannungen möglich. Das gesamte Energiesystem des Menschen wird durch Pranayama energetisch gereinigt und harmonisiert. Die Asanas unterstützen die Öffnung der Körperenergie und die Zentrierung und Sammlung der Lebensenergie. Durch Meditation, die das eigentliche Ziel der Yogapraxis ist, soll der Geist zur Ruhe gebracht und das eigene Selbst in unkonditionierter Form erfahrbar werden.

Im Ayurveda werden besonders durch die Kuren, wie z.B. die Panchakamakuren, nicht nur körperliche Schlacken, sondern auch mentale Schlacken aufgelöst. Spezifisch wirken hier Massagen, Kräuter und weitere Behandlungsmethoden wie z.B. das Swadhana.

In beiden Diszplinen nimmt die Ernährung eine herausragende Rolle für einen ausbalancierten Geisteszustand ein. Während beim Ayurveda der gesundheitliche Aspekt durch Ernährung im Vordergrund steht, geht es beim Yoga schwerpunktmäßig darum, den Geist für die Meditation vorzubereiten. In diesem Zusammenhang sind die drei Gunas zu erwähnen, die den aktuellen Geisteszustand eines Menschen beschreiben. Nahrungsmittel, die tamasig und rajasig sind, können, im Übermaß zu sich genommen, mentale Ungleichgewichte verstärken. So fördern rajasige Lebensmittel z.B. eine aggressive, unruhige und nervöse Geisteshaltung. Ein Übermaß an tamasiger Ernährung verstärkt depressive Zustände. Im Yoga als auch im Ayurveda ist man bemüht, den Geist in einen sattvigen Zustand zu führen. In diesem Zustand ist der Mensch seiner Ur-Natur (Prakriti) am nächsten und im Gleichgewicht.

2. Wie können Yoga und Meditation helfen, Stress abzubauen und sressbedingten Beschwerden vorzubeugen?

Meditation und Yoga bieten hier unzählige Möglichkeiten. Die gesamte Yoga-und Meditationspraxis zielt ja letztendlich darauf ab,  mentale Loslassprozesse zu unterstützen und den natürlichen Lebensfluss zu befreien. Loslassen bedeutet in diesem Zusammenhang, sich von allen stresserzeugenden Gedankenmustern und Emotionen, letztendlich destruktiven Energien, zu befreien, die nicht der eigenen Prakriti entsprechen. Loslassen ist für die meisten Menschen eine große Herausforderung. Deshalb ist das regelmäßige Üben von Yoga und Meditation sehr zu empfehlen. Denn mithilfe der Praktiken des Yoga und der Meditation wir das Loslassen geübt.

Beim Yoga enthält jede Asana- und Pranayamapraxis Elemente von Anspannung und Entspannung, was auch die mentalen Loslassprozesse unterstützt. In der Meditation wird mithilfe einer Meditationstechnik der innere Beobachter gestärkt. Er ist ein wichtiger innerer Erfahrungsraum, aus dem heraus die Identifikation mit stressverursachenden Gedanken und Gefühlen gelöst werden kann. Durch die Entidentifikation von belastenden Gedanken und Gefühlen entsteht im Inneren ein Raum der Distanzierung. Wir können lernen, dass wir nicht Gefangene unserer Reiz-Reaktionsketten sind, und erfahren, dass wir die Freiheit haben, zwischen destruktiven und konstruktiven Denk- und Verhaltensweisen zu wählen und infolge dessen zu bestimmen, was wir in der Außenwelt zu unserer Realität werden lassen.

Wichtig für den Abbau von Stress ist meiner Erfahrung nach auch die Vermittlung der Yogaphilosophie, die den richtigen Umgang mit dem Geist lehrt. Ein Wissen, das vielen Menschen heute leider immer noch fehlt. In der Schule und unseren Ausbildungen haben wir alle möglichen Dinge gelernt, aber leider nicht, wie wir mit unserem Geist auf harmonische Weise umgehen können. Viele Menschen leiden unter der falschen Verwendung ihres Geistes. Aus meiner eigenen Lehrerfahrung weiß ich, dass viele Menschen unglaublich dankbar sind, wenn sie von den inneren Zusammenhängen erfahren, wie sie die Yogaschriften lehren. Sie erhalten dadurch die Chance, sich selbst besser kennenzulernen. Das Wissen gibt ihnen Orientierung und hilft ihnen zudem, die Achtsamkeit für innere Vorgänge zu schulen. Sie lernen, ihr Innenleben auf differenzierte Weise wahrzunehmen, und können dadurch destruktive emotionale und mentale Muster schneller erkennen und sich aus ihnen befreien.

3. Wann ist die beste Zeit für eine Meditation?

In den vedischen Schriften wird von der Brahma Muhurta gesprochen. Das ist die Zeit etwa 1,5 Stunden vor Sonnenaufgang. In dieser Zeit ist die feinstoffliche Energie in der Natur sehr sattvig. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass dieser Zeitpunkt sehr gut für die Meditation geeignet ist. Es fällt leichter, in den entspannten meditativen Zustand hineinzukommen. Aber auch die Abendstunden zwischen 21.00- 23.00 Uhr empfinde ich persönlich als eine angenehme Zeit. Man sollte jedoch schauen, wenn man sich zur Meditation am Abend hinsetzt, dass man nicht ständig müde ist. Denn dann wird man in seiner Meditationspraxis kaum Fortschritte machen. Wie sich die Meditation am besten in den Tag integrieren lässt, ist abhängig vom Alltag des Menschen und seinem persönlichen Biorhythmus. Manchen fällt es leichter, am Abend zu meditieren, anderen am Morgen. Hier sollte man herausfinden, was am besten zu einem passt.

4. Welche Übungen eignen sich für ein kurzes Programm, das jeder täglich praktizieren kann?

In wissenschaftlichen Studien hat man herausgefunden, dass eine tägliche Meditationspraxis von 20 Minuten ausreicht, um tiefgreifendere Wirkungen  zu erzielen. Bereits nach wenigen Tagen regelmäßiger Meditationspraxis beginnt das Gehirn mit synaptischen Umstrukturierungsprozessen. Ich empfehle deshalb eine tägliche Übungssequenz von etwa 20 Minuten am Morgen oder am Abend.

Dabei kann man zunächst mit 5 Minuten beginnen und dann langsam die Dauer der Praxis ausdehnen. Wichtig ist, dass man sich zu Beginn nicht überfordert, weil dann die Motivation für die Meditation schnell verloren gehen kann. Wenn man spürt, dass einem diese kleine Auszeit guttut und man nicht mehr auf sie verzichten will, kann man den Zeitraum auf 10, 15, 20 Minuten schrittweise ausdehnen.

Um den Geist für die Meditation vorzubereiten und zur Ruhe zu bringen, empfehle ich, zunächst für fünf Minuten die Wechselatmung zu praktizieren. Es zeigt sich immer wieder, dass es den Meditationsschülern im Anschluss leichterfällt, die entspannende Wirkung der Meditation zu erfahren. Die Wechselatmung kann mit oder ohne Luftanhalten geübt werden. Wer noch wenig Erfahrung mit der Wechselatmung hat, kann sie ohne Luftanhalten praktizieren. Es kann hilfreich sein, wenn man sich die Anleitung der Praktik einmal fachmännisch, z.B. durch einen Yogalehrer, zeigen lässt.

Im Anschluss folgt dann die Meditation. Es gibt viele verschiedene Meditationstechniken. Ich empfehle, zu Beginn mit der Atmung zu üben. Der Vorteil ist, dass die Konzentration erhöht und die Achtsamkeit für die natürlichen inneren Vorgänge im Körper geschult wird.

Dafür richtet man die Konzentration auf den einströmenden Atem. Man beobachtet am Eingang beider Nasenlöcher die Empfindungen, die spürbar werden, wenn der Atem durch die Nasenlöcher einströmt, und auch, ob er nur durch ein Nasenloch einfließt oder durch beide. Dass Gedanken da sind, ist völlig normal. Viele Menschen glauben, dass das Ziel von Meditation sei, keine Gedanken zu haben, und sind frustriert, wenn sie in den ersten Meditationsstunden keine Gedankenstille erfahren. Dabei ist dieser Zustand von Gedankenleere eine weit fortgeschrittene Meditationserfahrung. Es ist zudem nicht das Ziel von Meditation, diese Gedankenstille zu erfahren, sondern Gleichmut zu entwickeln, d.h. allen Bewusstseinszuständen gleichwertig zu begegnen.

Mit den Gedanken kann man so umgehen, dass man sich entweder vorstellt, dass sie wie ein Radio im Hintergrund laufen oder Wolken sind, die kommen und gehen. Immer, wenn man bemerkt, dass man sich mit den Gedanken verbindet, kehrt man mit der Aufmerksamkeit einfach wieder zum einströmenden Atem zurück.

Um das Ende der 20 Minuten einschätzen zu können, kann man sich z.B. einen Wecker stellen oder sich eine App mit einem Klangschalengong runterladen. Letzteres ist für eine sanftere Rückkehr aus der Meditation sehr geeignet.

5. Gibt es ein besonderes Meditationsritual, das Du selbst gerne praktizierst?

Ich versuche am Morgen zwischen 4 und 6 Uhr aufzustehen, um meiner eigenen Meditationspraxis nachzukommen. Ich praktiziere zunächst Asanas und Pranayama und beende dann mein morgendliches Programm in der Regel mit einer Meditationseinheit von ca. 40-50 Minuten. Ich habe schon viele Kombinationen ausprobiert, eine Zeit lang auch nur zwei Elemente praktiziert. Doch es zeigt sich immer wieder, dass die Kombination aus allen drei Elementen unschlagbar und am effektivsten ist. Je nachdem, wie viel Zeit ich habe, fällt die Übungseinheit länger oder aber auch mal kürzer aus.

6. Was empfiehlst du, um sich von negativen Gedanken und Emotionen zu befreien?

Hier gibt uns Patanjali, der Verfasser der Yogasutras, viele Hinweise. Für alle die Patanjali nicht kennen: Patanjali war ein Seher und Psychologe, der vor etwa 500 Jahren in Indien lebte und lehrte. Bis heute haben seine Schriften an Gültigkeit nicht verloren. Patanjali beschreibt auf hoch psychologische und sehr einfühlsame Weise die Funktionsweise des Geistes und an verschiedenen Stellen auch, wie wir mit negativen Geisteszuständen umgehen können.

An einer Stelle empfiehlt er z.B. mit Gegensuggestionen zu arbeiten. D.h., wenn wir negative Gedanken haben, diese auf positive Weise umzuformulieren. Es gibt den bekannten Spruch:„Energy flows where attention goes“. Wenn wir negativen Gedanken Beachtung schenken, nähren wir sie mit Energie und laden sie auf. In Folge dessen wird ihre Wirkung auf uns emotional und mental stärker. Wenn es uns hingegen gelingt auf positive Gedanken zu fokussieren, nähren wir diese mit Energie und erfahren infolgedessen eine positive Grundstimmung. Die Aufmerksamkeitsfokussierung bestimmt, in welcher Intensität Gedanken und Gefühle Einfluss auf uns nehmen. Viele yogische Meister betonen immer wieder, wie wichtig eine positive Geisteshaltung für unser Wohlbefinden und inneres Wachstum ist.

Patanjali schreibt auch, dass eines der Hauptgründe für Leid Anhaftungen sind. Wir halten an Situationen, Umständen, Erwartungen, Gefühlen, Menschen fest und leiden. Aus diesem Grund ist es hilfreich, sich zu fragen, woran man anhaftet, wenn man leidet. So kommt man den Gründen für das eigene Leid auf die Spur und kann an der Behebung der Ursache arbeiten. Ein gutes Messinstrument ist der innere Frieden. Innerer Frieden ist gleichzusetzen mit geistigem Gleichgewicht. Er zeigt an, an welchen Stellen es uns gelingt, unser geistiges Gleichgewicht zu wahren, und wo wir unsere innere Arbeit noch weiter vertiefen dürfen. Immer wenn etwas in uns noch reaktiv ist, wir z.B. auf Situationen mit Wut oder Ärger reagieren, sind wir aufgefordert herauszufinden, worauf wir reagieren und diese Reiz-Reaktionsketten mithilfe des inneren Beobachters und Achtsamkeit zu überwinden.

Hilfreich ist es auch, die Opfer-Täter-Dynamiken in unserem Leben zu erkennen und sich aus diesen Rollenspielen zu befreien. Anstatt sich mit der Frage zu befassen, warum ausgerechnet man selbst immer wieder in bestimmte Situation gerät, ist es besser, sich zu fragen, was man aus einer Situation lernen kann. Auf diese Weise zieht man positive Rückschlüsse aus seinen Erfahrungen und ist bereit zu lernen und es in Zukunft besser zu machen.

Wichtig ist es meines Erachtens auch, eine dankbare Haltung gegenüber dem Leben zu entwickeln. Es gibt einen Teil in uns, der stark dazu tendiert, sich mit dem zu befassen, was uns im Leben fehlt, statt die Fülle des Lebens zu sehen und dankbar für das zu sein, was JETZT in diesem Augenblick alles ist. Dankbarkeit bedeutet, die Fülle des Augenblicks anzuerkennen. Es ist ein Naturgesetz, dass Füllebewusstsein noch mehr Fülle anzieht und dass das Mangelbewusstsein den Mangel verstärkt und das Gewünschte von uns fernhält. Dankbarkeit macht zufrieden und glücklich.

Und natürlich sind auch eine sattvige Ernährung sowie eine regelmäßige Meditations- und Yogapraxis von großer Wichtigkeit. Denn genauso wie wir täglich die Zähne putzen, um die Zähne gesund zu halten, braucht auch unser Geist eine regelmäßige Reinigung. Durch Yoga, Meditation und eine gesunde sattvige Ernährung wird der Lebensfluss im Fluss gehalten. Auf diese Weise können wir destruktive Gefühle und Gedankenmuster schneller loslassen und den schöpferischen Impulsen der Seele folgen.

 

Weitere Tipps und Interviews findest Du im Buch „Ayurveda und Detox“.

 

 

 

 

 

 

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